• NEUSTART IN STILLE

    von Gregor Behrendt

    01. Woche

    DAS IST SCHON ALLES

    Auch die besten Vorsätze sind Kinder der Zeit.
    Sie kommen – und sie gehen.
    Oft leiser, als wir es bemerken.
    Viele überleben nicht einmal die ersten Wochen des neuen Jahres.

    Wer heute nicht scheitern möchte,
    muss nicht größer träumen,
    sondern kleiner beginnen.
    Weniger versprechen, dafür halten.
    Einen Schritt setzen.
    Und ihn wirklich gehen.

    Am tragfähigsten sind Vorsätze,
    die nur etwas Bestimmtes betreffen oder
    einen Tag lang gelten
    Es genügt, das Gute still zu suchen –
    nicht heroisch, nicht perfekt,
    sondern geduldig.
    Stunde für Stunde.
    Ohne Übermaß.
    Das ist schon alles.

    Im Zen heißt es:
    Jeder Tag ist ein guter Tag.

    Warum also nicht heute?

    Nur für heute
    werde ich mich bemühen, diesen Tag wach zu erleben,
    ohne alle Fragen des Lebens lösen zu wollen.

    Nur für heute
    werde ich eine gute Tat vollbringen
    oder auf eine meiner kleinen Gewohnheiten verzichten –
    und still darüber bleiben.

    Nur für heute
    werde ich niemanden kritisieren,
    niemanden verbessern,
    nicht einmal mich selbst.

    Nur für heute
    lege ich meine Rollen ab:
    das Image vom spirituellen Menschen,
    vom Bescheidenen,
    vom Helfer,
    vom Guten.
    Ich darf einfach da sein.

    Und schließlich –
    nur für heute werde ich mir einen Moment Zeit nehmen
    für das Gemeinsame,
    für die Stille, die uns verbindet,
    für eine Fernmeditation mit der Sangha (gegen 19:30 Uhr).

    Nicht für immer.
    Nicht für morgen.
    Nur für heute.
    Mehr nicht.


    52. Woche

    LEBE DEINEN RHYTHMUS

    Manchmal reicht ein kurzer Blick nach außen, und etwas in dir zieht sich zusammen. Andere scheinen weiter zu sein, freier, erfolgreicher. Ihr Leben wirkt rund, deines eher unfertig. Doch das, was du siehst, ist selten das Ganze. Es sind Momentaufnahmen – während dein eigenes Leben sich gerade bewegt, tastet, sucht.

    Vielleicht beginnt ein selbstbestimmtes Leben genau hier: in diesem unfertigen Moment.

    Es gibt nichts zu beweisen. Und es ist nicht nötig, jemandem zu ähneln. Dein Leben entfaltet sich nicht nach fremden Maßstäben, sondern in deinem eigenen Rhythmus. Mal ruhig, mal stockend, mal überraschend klar. Wenn du innehältst und hinschaust, kannst du spüren, was dich trägt – und was dich müde macht. Beides gehört zu dir.

    Es gibt nichts an dir, das repariert werden müsste. Es genügt, dir zuzuhören. Mit Geduld. Mit einer gewissen Milde. Fehler verlieren ihre Schärfe, wenn du sie nicht festhältst. Sie kommen und gehen, wie Gedanken im Sitzen. Und du bleibst.

    Vielleicht magst du dich heute ein wenig besser versorgen. Einen Spaziergang machen. Früher schlafen gehen. Den Atem ein paar Augenblicke länger wahrnehmen. Kleine Gesten, unscheinbar – und doch wirksam. Sie erinnern dich daran, dass dein Leben nicht optimiert werden will, sondern bewohnt.

    Wenn der Vergleich auftaucht, darf er weiterziehen. Kein anderer Mensch steht an genau diesem Punkt, mit genau dieser Geschichte, diesem Körper, diesem Blick auf die Welt. Dein Weg ist weder schneller noch langsamer. Er ist deiner.

    In der Stille der Meditation zeigt sich manchmal etwas sehr Einfaches: Du bist schon da. Ohne Rolle. Ohne Etikett. Nur atmend, lebendig, gegenwärtig.

    Ein selbstbestimmtes Leben fühlt sich nicht laut an. Eher wie ein leises Einverstanden-Sein. Mit dir. Mit diesem Moment. Und mit dem nächsten Schritt, der sich von selbst ergibt.

    51. Woche

    BEWUSSTES SEIN
    Über das, was bleibt

    Jenseits von Raum und Zeit berührt uns etwas Namenloses.
    Es hat keine Form, keinen Ort – und doch ist es intim vertraut.
    Worte gleiten daran ab wie Wasser an einem Stein.
    Dieses Geheimnis ruht nicht irgendwo draußen.
    Es schläft im Innersten unseres bewussten Seins.

    Dort liegt eine stille Kraft, eine Quelle ursprünglicher Lebendigkeit.
    Sie nährt nicht den Ehrgeiz, sondern die Kunst, wirklich zu leben.
    Doch sie öffnet sich nicht durch Wissen, nicht durch Konzepte.
    Nur Erfahrung kennt ihren Zugang.
    Nur Übung, Geduld und die Bereitschaft, still zu werden.

    Meditation ist kein Weg nach oben.
    Sie ist ein Heimkommen.
    Wenn wir sitzen, atmen und bleiben, beginnt sich ein feiner Raum zu öffnen.
    Körper, Atem, Gefühle und Gedanken fallen nicht mehr auseinander.
    Sie werden ein Feld – lebendig, wach, durchlässig.
    In diesem Feld zeigt sich etwas Zeitloses:
    eine wache Liebe, eine stille Verbundenheit mit allem, was ist.

    Seit Anbeginn tragen wir dieses Bewusstsein in uns.
    Es liegt jenseits des Denkens, jenseits der vertrauten Identitäten.
    Doch viele leben getrennt davon, gefangen in erlernten Bildern,
    in Geschichten von Mangel, Abgrenzung und Angst.
    So entsteht ein Gefühl des Getrenntseins – von sich selbst, vom Leben.

    Und doch ist die Zeit reif.
    Ein leiser Wandel geht durch viele Herzen.
    Nicht laut, nicht spektakulär – eher wie ein Erwachen im Morgengrauen.
    Ein Bewusstsein, das nicht trennt, sondern verbindet.
    Das nicht herrscht, sondern lauscht.
    Das erkennt: Entwicklung geschieht nicht durch Flucht ins Höhere,
    sondern durch vollständige Gegenwärtigkeit im Jetzt.

    50. Woche

    UNSER WAHRES GESICHT

    Ein Mönch lebte zurückgezogen in einer einfachen Klause. Seine Tage waren schlicht und still, getragen vom Atem und dem Klang des Brunnens vor seiner Hütte. Eines Tages erreichte ein erschöpfter Wanderer diesen Ort und bat um Wasser. Der Mönch schöpfte aus dem alten Steinbrunnen und reichte ihm die Schale.

    Nachdem der Wanderer getrunken hatte, fragte er neugierig:  

    „Warum lebst du hier in dieser Einsamkeit? Was gibt dir Sinn?“

    Der Mönch antwortete nicht sofort. Stattdessen deutete er auf das aufgewühlte Wasser, das noch vom Schöpfen vibrierte.  

    „Schau hinein. Was siehst du?“

    Der Wanderer blickte – und sah nichts. Nur Bewegung.

    „Warte“, sagte der Mönch.

    Gemeinsam schauten sie auf die Oberfläche, die sich langsam beruhigte. Schließlich spiegelte das Wasser ein Gesicht zurück.

    „Jetzt sehe ich mich“, sagte der Wanderer leise.

    Der Mönch nickte.  

    „Solange das Wasser bewegt ist, bleibt alles verborgen. Erst in der Stille erkennst du dich selbst.“

    *

    Diese einfache Szene lehrt uns: Unser Inneres ist oft aufgewühlt wie Wasser nach einem langen Tag. Doch wenn wir innehalten, atmen und nichts hinzufügen, klärt sich die Oberfläche.  

    Und wir sehen wieder: unser wahres Gesicht.

    49. Woche

    WIE IM FLUGE

    Wenn du in der Stille eines klaren Morgens in der Ferne einen Vogel entdeckst, beginnt die Welt sanft zu atmen. Das Licht liegt wie dünner Frost auf den Zweigen, der Himmel öffnet sich weit — und ein einziges Flügelschlagen reicht, um dich zurück ins Wesentliche zu führen.

    Im Zen nennen wir das den Moment der Transparenz: Wenn die Natur nicht mehr Hintergrund ist, sondern allgegenwärtig. Der Vogel dort oben kein anonymer Punkt, sondern lebendige Wirklichkeit des einen Geistes. Er ist Teil desselben Urklangs, der auch in dir spielt und alles verbindet:

    Du schaust — und wirst weit. 

    Du hörst — und wirst still. 

    Mit der Zeit verändert sich deine Wahrnehmung. Du siehst nicht mehr nur Farben und Formen, sondern erlebst die Kunst des Fliegens selbst: wie der Vogel den Wind liest, wie er Energie und Raum spürt, wie jeder kleine Schwung eine Antwort auf das ist, was ihm begegnet. Kein Zögern, kein Übermaß. Nur ein genaues Einklinken in den Strom des Lebens.

    In diesem Einklang schmilzt die Trennung. Der Himmel wird zu einem inneren Raum. Der Flug zu einer Erinnerung daran, wie leicht Leben sein kann, wenn wir uns nicht gegen den Wind stellen.

    Setz dich. Atme. Schau.  

    Die Natur führt dich zurück in dein eigenes ruhiges Zentrum —  

    dorthin, wo du längst zu Hause bist.

    48. Woche

    JEDEN TAG AUFS NEUE

    Das Leben hat mich zurückgeholt– doch das Atmen muss ich neu lernen. Ich beginne jeden Tag von vorn. Direkt nach dem Erwachen setze ich mich auf.

    Der Körper sucht, der erste Atemzug ist fremd, zögernd, unentschlossen in seiner Richtung. Ein Atemzug. Dann noch einer. Ob das die richtige Reihenfolge ist? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber ich übe weiter, um zu leben.

    Der Atem ist kein Automatismus mehr. Er ist ein Lehrer geworden. Er fragt:„Bist du bereit, wieder zu vertrauen?“ Und ich antworte nicht mit Worten, sondern mit dem nächsten Atemzug.

    Langsam entsteht eine neue Gewissheit: Es gibt keine Garantie. Es gibt nur den Atem. Vorne beginnen, genau dort, wo das Leben anklopft – nicht hinten im Denken, sondern hier, an der Nasenspitze, wo der Atem mich berührt.

    Ein langer Atemzug ist keine Selbstverständlichkeit. Er ist eine Übung: ein stilles Wieder-und-Wieder, das immer am Anfang beginnt. Mit jedem Atemzug gehe ich denselben Weg – hinein ins Leben, hinaus in die Stille.

    Und je öfter ich ihn gehe, desto mehr wächst das Vertrauen. Der Atem kennt den Weg besser als ich. Ich folge ihm. Und manchmal, wenn alles still wird, scheint es, als atmete das Leben selbst in mir.

    Dann weiß ich: Ich bin angekommen – für diesen einen Atemzug. Und das genügt

    47. Woche

    ABSCHALTEN

    Im Zen üben wir, im gegenwärtigen Augenblick zu leben – frei von der Vergangenheit, die schon vergangen ist, und von der Zukunft, die noch nicht begonnen hat.
    
In der Meditation geschieht das, indem wir bewusst atmen und unsere Gedanken aufmerksam betrachten, ohne sie zu füttern. Bekommen sie keine Energie mehr, lösen sie sich von selbst auf
     
    Wir werden zu stillen Zeugen. Der Gedankenstrom fließt weiter, doch wir stehen nicht mehr mitten darin. Von einer Brücke aus betrachtet, sehen wir: Alles kommt und vergeht, alles wiederholt sich. Immer die gleichen Wellen von Ärger und Wut, von Gier und Sehnsucht, von Urteilen und Bewertungen, von Vorlieben und Enttäuschungen. Ein endloser Kreislauf.
     
    Doch sobald wir „den inneren Projektor abschalten“, verschwinden auch die Bilder an der Leinwand. Der Spuk löst sich auf wie ein Traum – und für einen Augenblick zeigt sich die Wirklichkeit, so wie sie ist.
     
    Buddha sagt: „Ein wirklich bewusst lebender Mensch lebt in dieser Welt wie eine Biene. Er berührt die Schönheit dieser Welt, ohne sie zu zerstören. Sein Leben ist einfach, leicht und nicht überladen. Er geht still seinen Weg, nimmt nur, was er braucht, und ruht im Hier und Jetzt.“
     
    Was bedeutet das für uns heute? Eine Biene nimmt, was sie braucht – nicht mehr und nicht weniger. Auch wir können lernen, uns nicht ständig zu überladen: mit Aufgaben, Konsum, Erwartungen. Stattdessen nehmen wir nur das, was wirklich wesentlich ist.
     
    Eine Biene zerstört die Blüte nicht, die sie besucht. Auch wir können lernen, achtsamer zu gehen – die Dinge, die uns umgeben, zu würdigen, ohne sie auszubeuten oder zu zerreden. Das gilt für die Natur ebenso wie für Menschen. Worte, Gesten, Taten – sie können verletzen oder heilen. Ein bewusst lebender Mensch tastet die Welt sanft an.
     
    Eine Biene summt ihren Weg. Sie ist da, wo sie ist, ohne Hast, ohne Anspruch, ohne Drang nach mehr. Auch wir können im Alltag üben, diesen unnötigen Druck loszulassen. Beim Essen, beim Gehen, beim Arbeiten, selbst im Gespräch: einfach da sein. Nicht getrieben, sondern gegenwärtig.
     
    So bedeutet „Abschalten“ nicht Flucht oder Passivität, sondern eine Rückkehr. Wir lassen los, was uns beschwert, und wenden uns dem Einfachen zu. Wir lernen, mit weniger Last und mehr Stille zu leben. Und vielleicht erfahren wir dabei, wie leicht es sein kann, einfach Mensch zu sein.

    39. Woche
    VERZÜCKUNG IST NICHT ALLES

    Manchmal, während der Meditation,
    geschieht etwas Unerwartetes.
    Ein lebhaftes Gefühl starker Energie,
    wie ein Blitz, der plötzlich erscheint –
    und wieder erlischt.
    Es kann den ganzen Körper durchdringen,
    sodass er sich fast transparent anfühlt –
    als wäre er nicht mehr vorhanden.

    Früher nannte man es „Verzückung“,
    heute weiß kaum noch jemand,
    was damit gemeint ist.
    Verzückung ist ein Moment der Begeisterung,
    den man am liebsten festhalten möchte.
    Dieses Gefühl ist nicht wirklich friedvoll,
    sondern ziemlich aufregend,
    manchmal sogar lästig.

    Dennoch neigen wir dazu, es zu mögen,
    besonders dann, wenn es stärker wird.
    Der Buddha lehrte, diese Verzückung zu ehren,
    sie aber nicht für das Ziel zu halten.
    Sie ist wie eine Blume am Wegesrand:
    schön zu betrachten, duftend, vergänglich.
    Geh weiter, ohne sie zu pflücken.

    Wenn Begeisterung aufsteigt, erleb sie,
    ohne sie zu ergreifen.
    So bleibt sie ein Tor zur Freude,
    kein Hindernis auf deinem Weg.
    Denn jenseits der Wellen der Empfindungen
    liegt ein tiefes Gefühl von Glück –
    ein Zustand von großem Frieden und großer Ruhe,
    der nicht kommt und geht.

    Doch auch diese höheren Formen von Glück
    sind nicht die Endstation – mehr darüber später.
    Zunächst übe in der Meditation,
    jede Empfindung willkommen zu heißen
    und wieder loszulassen,
    um deinen weiteren Weg freizumachen.

  • Einladung zur Meditation

    von Gregor Behrendt

    Unser Zenkreis Linker Niederrhein trifft sich regelmäßig zweimal im Monat, sonntags um 19 Uhr, zur Meditation in der Yoga-Oase Geldern (Übungsraum s. oben).

    Wer gern mit uns  meditieren möchte, melde sich bitte vorher an bei Gregor Behrendt, Tel. 0172 4199901. Nähere Einzelheiten über unsere Sangha und Meditationstermine finden Sie unter dem Link:  Zen-Weg

    Seit 2019 wird jeweils zum Wochenbeginn immer hier oben im ersten Beitrag ein „Zen-Impuls der Woche“ veröffentlicht.

     

    Meditations-Praxis

    EINFACH NUR SITZEN

    Im Zentrum des Übens steht Zazen (stille Sitzmeditation), eine Methode zur umfassenden Bewusstseinsschulung und persönlichen Reifung: Zazen üben heisst, mit einem Höchstmaß an Konzentration und Achtsamkeit den Geist reinigen, leermachen – nicht denken.

    Bei der klassischen Meditationshaltung setzt man sich möglichst aufrecht auf ein Kissen (Zafu), kreuzt die Beine und drückt die Knie auf den Boden. Das Dreieck aus Knien und Steißbein sorgt für eine stabile Körperhaltung als gute Voraussetzung, um auch innerlich zur Ruhe zu kommen.

    BURMESISCHER SITZ
    Anfänger sollten mit dem burmesischen Sitz oder Fersensitz beginnen. Die Unterschenkel liegen hierbei nahezu parallel voreinander, wobei die Knöchel auf der Unterlage ruhen. Das ist weniger anstrengend für die Knie. Nach einiger Übung kann man sich langsam zum halben Lotussitz „hocharbeiten“.

    LOTUSSITZ
    Rechten Fuß so weit oben wie möglich auf den linken Oberschenkel legen und den linken Fuß entsprechend auf den rechten. Allerdings können nur wenige Menschen ohne monatelange Streckübungen diese Sitzposition mühelos einnehmen.

    HALBER LOTUS
    Im Prinzip wie beim vollen Lotussitz, aber nur den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel legen oder umgekehrt. – Eine leicht geänderte Form besteht darin, den Fuß statt auf den Ober- auf den Unterschenkel zu legen, was wesentlich einfacher ist. – Noch einfacher ist es, nur die Unterschenkel kurz über den Knöcheln zu kreuzen.

    FERSENSITZ
    Diese kniende Haltung (Seiza) kann auf einem Kissen (auch hochkant) oder einem Bänkchen eingenommen werden. Das Gewicht ruht auf dem Sitzkissen bzw. der Bank, den Knien, Schienbeinen und Knöcheln. Der Fersensitz eignet sich bei längerem Zazen als Entspannungsübung.

    Wer mit all diesen Sitzarten Probleme hat, kann auch auf einem Hocker oder Stuhl Platz nehmen.

    KÖRPERHALTUNG
    Aus der stabilen Sitzhaltung heraus strebt die Wirbelsäule senkrecht nach oben. Hohlkreuz und „Buckel“ sollten vermieden werden. Der Kopf ist gerade, das Kinn leicht zurückgezogen, so dass der Scheitel gegen die Decke „stößt“. Die Schultern bleiben locker.

    HANDHALTUNG
    Zwei Handhaltungen sind möglich: 1. Die Hände liegen wie zwei Schalen übereinander, die linke Hand in der rechten. Die Daumen berühren sich leicht und bilden mit den Zeigefingern das kosmische Mudra – ein Oval, das ungefähr auf Höhe des Bauchnabels gehalten wird. 2. Die rechte Hand umfasst den linken Daumen von oben. Die Finger der linken Hand bedecken die rechte Faust. Beide Hände vor dem Unterleib entspannt auf den Oberschenkeln ablegen.

    AUGEN
    Wann immer wir Zazen praktizieren, sollten wir mit niedergeschlagenen, aber leicht geöffneten Augen im Winkel von etwa 45 Grad vor uns auf den Boden oder gegen die Wand blicken. Dabei schauen wir mit höchster Aufmerksamkeit „nach innen“ und achten darauf, keinen Blickpunkt außen zu fixieren.

    ATEM
    In der Meditation sollte die Atmung einen langsamen, kraftvollen und natürlichen Rhythmus aufbauen. Wenn man sich auf ein langes und tiefes Ausatmen konzentriert und die Aufmerksamkeit auf die Haltung lenkt, geschieht die Einatmung ganz von selbst. Geatmet wird in das Zwerchfell, nicht in den Brustkorb. Die Ausatmung, die leichten Druck auf den ganzen Unterleib ausübt, entwickelt große Energie in Höhe der Taille und Nieren. Beim Zazen verlangsamt sich der Atemrhythmus wie auch der Herzrhythmus; das Blut und die inneren Organe werden besser mit Sauerstoff versorgt.

    GEIST
    Um den Geist zu beruhigen, sollten wir aufmerksam unserem Atem folgen und beim Ausatmen mitzählen: am besten bis zehn und dann wieder von vorn beginnen. Dabei sitzen wir wie ein Berg und lassen die Gedanken wie Wolken an uns vorüberziehen. Nicht gegen sie ankämpfen, sich nicht darüber ärgern, aber sich auch nicht von ihnen mitziehen lassen. Sie einfach unbeeindruckt beobachten. Wenn dann die störenden Gedanken seltener werden, konzentrieren wie uns auf die Pausen dazwischen, auf das „Nichts“, keine bildlichen Vorstellungen, keine Assoziationen, einfach nur bewusst da sein.

    BEWEGUNG
    Die Gehmeditation, japanisch Kinhin genannt, ist im Grunde die Fortsetzung des Zazen in der Bewegung. Zwischen den einzelnen Sitz-Phasen gehen wir meditierend im Kreis, in dem wir achtsam beim Einatmen und Ausatmen je einen Schritt machen. Die Augen sind wie beim Zazen halb geöffnet, der Blick bewegt sich zwei Meter voraus etwa in Höhe der Taille des Vorangehenden.

    Die Hände liegen ungefähr vor dem Solarplexus ineinander, so dass die Unterarme in der Waagerechten eine Gerade bilden. Die rechte Hand formt eine Faust, die linke bedeckt sie von vorn. Beim Gehen wird die Ferse zuerst aufgesetzt, dann rollt der Fuß in einer sanften Bewegung ab. So schreitet jeder in sich gekehrt voller Achtsamkeit durch Zeit und Raum.

     

  • Was ist ZEN?

    von Gregor Behrendt

    Die Wurzeln des ZEN

    Die Wurzeln des Zen reichen 2.500 Jahre zurück bis zum historischen Buddha in Indien. Sein Leben zeigt als ältestes Vorbild der Menschheitsgeschichte, wie man aus eigener Kraft zu Erleuchtung und Vollkommenheit gelangen kann. Buddha war auch der erste, der die ursprüngliche Yoga-Meditation aus ihrer asketischen Einengung der Weltabkehr befreite und in eine praktische Übung für jeden zur Bewältigung seiner Lebensaufgabe umwandelte.

    Im sechsten Jahrhundert brachte der legendäre Patriarch Bodhidharma dieses Gedankengut nach China. Der Legende nach übte er dort neun Jahre lang vor einer Felswand das „Sitzen in Versunkenheit“. Seine Lehre, der stark auf die Meditation ausgerichtete Dhyana-Buddhismus, entwickelte sich unter taoistischen und konfuzianischen Einflüssen zur chinesischen Urvariante des Zen: zum Chan.

    Im Lauf der folgenden Jahrhunderte bildeten sich in China unter den großen, bis heute maßgeblichen Meistern bedeutende Chan-Schulen heraus. Zwei davon gelangten als Rinzai- und Soto-Schule im 13. Jahrhundert nach Japan, wo sie unter der Bezeichnung «Zen» (Abkürzung von Zenno / Zenna, der japanischen Lesart von Chan) weitere berühmte Meister hervorbrachten und noch heute existieren.

    Alle großen Zen-Schulen waren und sind sich darin einig, dass Buddha weder eine menschliche Gottheit noch der Schöpfer der Welt ist, sondern ein Mensch. Buddha Shakyamuni wird verehrt, weil seine Dharma-Lehre eine der ältesten Erlösungslehren der Erde ist. Er war nicht der einzige Buddha, vor ihm und nach ihm gab es noch andere Buddhas, die eine fast ebenso tiefe Einsicht erreicht haben. Jeder Mensch kann zum Buddha werden, denn er trägt die „Buddha-Natur“, den Ansatz der Vollkommenheit in sich, um sich von den Ursachen des Leids (Begierde, Hass, Verblendung) befreien zu können.

    Die Praxis des ZEN

    Zen gründet zwar im Buddhismus, vermittelt aber keinen Glauben, kein Dogma, kein theoretisches Wissen, sondern eine Lebenshaltung und einen Weg zur wahren Menschlichkeit. Die drei tragenden Säulen des Zen sind Meditation, Ethik und die von Weisheit durchdrungene Erkenntnis der Wirklichkeit.

    Wer sich mit Zen beschäftigt, wird bald erkennen, dass es ihm eine vollkommen neue Perspektive auf sich und die Welt ermöglicht. Die Einsicht in das eigene Wesen, mit der im Idealfall die Einsicht ins Wesen aller Dinge verbunden ist, das ist es, was Zen auch für viele Menschen hier im Westen so attraktiv und wertvoll macht.

    Der Kern des Zen ist die Praxis, sonst nichts. Wenn wir Zen praktizieren wollen, müssen wir grundsätzlich bereit sein, eigene Ansichten, Konditionierungen und mentalen Konstrukte zu hinterfragen und aufzugeben. Zen verlangt nichts, doch wer nicht bereit ist, sich auf das Gesagte einzulassen, der wird für sich auch nichts Wesentliches erfahren können. Zen ist die Bereitschaft, Erfahrungen zu machen, die der Logik selten spontan zugänglich sind. Dazu muss der umherwandelnde Geist erst zur Ruhe kommen, bis der Verstand schweigt und der Geist leer und aufnahmebereit ist. Daher kann man Zen nicht erlernen, sondern nur praktizieren.

    Zen zu praktizieren ist Achtung vor dem Leben, vor anderen, sich selbst und der gesamten Schöpfung. Das setzt allerdings voraus, sich von falschen Vorstellungen vom Leben zu befreien. Großzügigkeit, ethisches Verhalten, Geduld, Sammlung und Weisheit sind die Handlungen, die die Zen-Praxis zwingend vorgibt.

    Der Weg des ZEN

    Das Einzige, das Zen zu bieten hat, ist absolute Klarheit und darauf aufbauend konsequentes Handeln. Zen schult in einer Art des Denkens, die den Dingen unmittelbar und ohne Umschweife auf den Grund geht und sie beim Namen nennt. Zen ist in diesem Sinne kompromisslos und zerstört jede Illusion. Diese Klarheit und Konsequenz mag bei manchen Unbehagen erzeugen.

    Wer sich aber ohne Einschränkung und ohne Umschweife auf die Wirklichkeit einlassen kann, der findet im Zen die Klarheit, die er braucht, um wahrhaftig zu leben und zu handeln. Der Zen-Weg lehrt, die Welt um sich herum, aber auch sich selbst, auf eine tiefe und immer weniger von störenden Gedanken beeinflusste Weise wahrzunehmen. Dieser Weg lässt uns zu innerer Ruhe und Gelassenheit, Konzentration und gedanklichen Klarheit zurückfinden, lässt uns das Wesen der Dinge und unsere eigene Natur erkennen und dieses Wissen in unserem täglichen Leben verwirklichen. Es ist ein Weg der Eigenverantwortung und der Hingabe an das Leben.

    Zen hilft, emotionale und mentale Grenzen zu überwinden und zu einer umfassenden Sichtweise zu gelangen. Die Praxis des Zen ermöglicht es, uns aus Fremdbestimmung, falschen Lebensphilosophien und seelischen Blockierungen zu befreien, um unsere Individualität frei von Egoismus entfalten zu können und wieder Gelassenheit, innere Freiheit und Kreativität als wesentliche Elemente in unserem Leben zu verwirklichen.

    Kontemplation, Meditation, Vergänglichkeit und Mitgefühl sind die wichtigen Erfahrungen, die derjenige zu sammeln hat, der die mystische Wirklichkeit von Satori oder Kensho (Erleuchtung bzw. Wesensschau) anstrebt. In einer Haltung tiefer Konzentration einfach nur sitzen, ohne Ziel und ohne Streben nach der Großen Erfahrung. Man darf die Erleuchtung nicht suchen, nicht erwarten, nicht erhoffen, man kann sich höchstens von ihr finden und erfassen lassen.

    Die Meditation dient zur Vorbereitung dieser Großen Erfahrung, die gemeinhin als Ziel der Zen-Übung angesehen wird. Ein solches Ziel darf es aber eigentlich im Sinne der Selbstlosigkeit des Zen gar nicht geben. Die „Erleuchtung“ kann deshalb auch nicht herbeigeführt werden – und sei es durch noch so intensives Üben. Wo diese Erfahrung in einem Menschen stattgefunden hat, da formt und prägt sie Ausdruck und Haltung, bis sie im Leben und Sein des Einzelnen vollkommen integriert und dann in seiner Erscheinung erkennbar ist, insbesondere für einen anderen Erfahrenen.

    Was ZEN nicht ist

    Zen ist keine Therapie, keine Selbsterfahrung und auch kein Mental-Training, auch wenn das Ziel oft das Gleiche ist und Zen therapeutische Effekte haben kann. Und fraglos ist Zen eine praktikable Weise, Schwierigkeiten im Leben zu meistern und Blockaden abzubauen, genauso wie die mentale Kraft zu stärken. Das ist jedoch nicht das absolute Ziel des Zen, sondern ein willkommenes »Nebenprodukt«. Zen ist keine Selbsterfahrung und kein Training, weil Zen sich nicht auf das Psychische, Persönliche und Vergangene bezieht, sondern auf das Umfassende, das über die Person Hinausgehende und Transzendierende hin ausgerichtet ist.

    Nicht Selbstverwirklichung, sondern die Überwindung der Selbstbezogenheit ist das Ziel der Zen-Praxis. Im Ignorieren dieser Basisfakten besteht das grundlegende Missverständnis, dem westliche Sinnsucher häufig unterliegen, die sich für die Oberfläche des Zen begeistern. In der vermeintlichen Esoterik der ursprünglich fernöstlichen Lehre bestand seit jeher der größte Anreiz für die Menschen der Moderne, sich mit Zen oder vielmehr mit dem, was man sich darunter vorstellt, zu beschäftigen.

  • Die Kunst des einfachen Lebens

    von Gregor Behrendt

    Zen ist an keine Philosophie, Weltanschauung oder Religion gebunden und kann daher auch von Nicht-Buddhisten erfahren werden. Zen gründet zwar im Buddhismus, vermittelt aber keinen Glauben, kein Dogma, kein theoretisches Wissen, sondern eine Lebenshaltung und einen Weg zur wahren Menschlichkeit. Die tragenden Säulen des Zen sind Meditation und das Leben im bewussten Sein.

    Wer sich mit Zen beschäftigt, wird bald erkennen, dass es ihm eine vollkommen neue Perspektive auf sich und die Welt ermöglicht. Die Einsicht in das eigene Wesen, mit der im Idealfall die Einsicht ins Wesen aller Dinge verbunden ist, das ist es, was Zen auch für viele Menschen hier im Westen so attraktiv und wertvoll macht, auch wenn sie nur bestimmte Bereiche in ihren Alltag integrieren können. Was ist nun also Zen?

    Das Geheimnis des Zen ist die Praxis des Zazen: In einer Haltung tiefer Konzentration einfach nur sitzen, ohne Ziel und ohne Streben nach Erleuchtung. Die Zen-Meditation führt nicht in die Isolation, sondern sondern wirkt sich positiv auf Körper und Geist aus. Denn sie führt beide zurück zu ihrem normalen Zustand.

    Zen ist der Weg zu unserer ursprünglichen Natur. Wenn das Ich-Bewusstsein überwunden ist, stirbt auch die Furcht vor dem Tod. Wo diese Erfahrung in einem Menschen stattgefunden hat, da formt und prägt sie Ausdruck und Haltung, bis sie im Leben des Einzelnen vollkommen integriert und dann in seiner Erscheinung – insbesondere für einen Meister – erkennbar ist.

    Von Indien in alle Welt

    Zen ist eine Variante des Mahayana Buddhismus, der sich wie alle buddhistischen Richtungen auf Siddhartha Gautama, den ersten Buddha in der Geschichte, bezieht. Dieser hatte nach langen Jahren der Askese und Meditation die vollkommene Erleuchtung erlangt und das Nirwana erreicht.

    Um seine Erkenntnis auch anderen zugänglich zu machen, formulierte er die „Vier Edlen Wahrheiten“ über das leidvolle Dasein, dessen Ursachen und wie dieses Leiden zu beenden sei, nämlich durch den „Edlen Achtfachen Pfad“, der rechtes Denken und Handeln und die entsprechende persönliche Einstellung beinhaltet. Im Lauf der Jahrhunderte verbreitet sich diese ursprüngliche aus Indien stammende Lehre in ganz Asien.

    Die Besonderheit des Meditations-Buddhismus besteht darin, dass die sieben ersten Stufen des Achtfachen Pfads lediglich als Vorbereitung für die achte Stufe, der kontemplativen Innenschau betrachtet werden. Auf dieser Basis entstand im 6. Jahrhundert n. Chr. der chinesische Chan-Buddhismus, in den Elemente des Taoismus und Konfuzianismus mit einflossen.

    Weitere 500 Jahre später setzte sich diese Variante auch in Japan durch. Nicht ohne verschiedene Merkmale des dort vorherrschenden Shinthuismus aufzunehmen, und erfuhr in den folgenden Jahrhunderten als Zen seine Blütezeit. Der Begriff leitet sich vom Wort “Zazen” (einfach sitzen) ab und ist mit dem chinesischen Chan und dem Sanskrit-Wort Dhyana verwandt, die beide mit „Versenkung“ übersetzt werden können.

    Zen weist nur den Weg

    Zen ist also keine einheitliche Bewegung. Neben den zahlreichen chinesischen und japanischen Traditionen gibt es weitere Varianten, zum Beispiel vietnamesische und koreanische. Und in der Gegenwart erreicht Zen auch im Westen eine größer werdende Anhängerschaft. Nach der Meinung seiner Anhänger ist im Zen-Buddhismus die Lehre Buddhas am ursprünglichsten erhalten. Da Buddha einst selbst vorgegeben hat, keine Schrift und kein Dogma als ehern und unangreifbar zu betrachten, sondern stets die eigene Erfahrung und Urteilskraft zu berücksichtigen, wendet sich Zen gegen abstrakte Rituale und misst heiligen Schriften sowie deren Auslegung durch Gelehrte keine größere Bedeutung bei.

    Zen ist gegen alles religiöse Haften an der hergebrachten Form. Viel wichtiger ist die persönliche Erfahrung. Die Lehre kann nur im Innersten selbst erlebt werden. Zen kennt keine philosophisch intellektuellen Analysen und keine religiösen Dogmen. Dennoch besitzt Zen eine eigene Ethik, die von sorgender Liebe und Mitgefühl geprägt ist.

    Dies ergibt sich konsequent aus dem Glauben, dass alles im Universum miteinander verbunden ist und somit jede Handlung – egal ob gut oder böse – wiederum auf ihre Verursacher zurückfällt. Auf die Frage, was Zen also eigentlich lehrt, gibt es demnach mindestens zwei Antworten: Es lehrt nichts, Zen weist nur den Weg, damit jeder Einzelne aus seinem Selbst heraus die richtigen Schlüsse ziehen könne, und es lehrt alles, ja das ganze Universum, da es die Trennung von Innenwelt und Außenwelt beseitige.

    Mehr oder weniger Erleuchtung

    In diesem Sinne ist es auch nicht möglich, Zen aktiv zu lehren. Es können lediglich die Voraussetzungen für spontane intuitive Einsichten der SchülerInnen durch verschiedene Meditationstechniken verbessert werden, um letztlich die Illusion eines Ich zu überwinden. Durch die Konzentration der Meditierenden büßen Vergangenheit und Zukunft ihre Bedeutung ein. In dieser Zeitlosigkeit verliert sich das Subjekt im Ganzen. Das Bewusstsein geht im Augenblick auf.

    Im Rinzai-Zen ist das Ziel aller Bemühungen Satori, die plötzliche erleuchtende Erkenntnis vom universellen Wesen des Daseins. Demgegenüber steht beim Soto-Zen, wo die Erleuchtungserfahrung eine eher untergeordnete Rolle spielt, Shikantaza, das einfache Sitzen ohne Gedanken zu folgen oder zu verdrängen, im Vordergrund.

    Zen strebt also mehr oder weniger eine mystische Einsicht jenseits der Vernunft an, die mit der persönlichen Lebensweise und Haltung eines Menschen untrennbar verbunden ist. Die vermeintliche Irrationalität des Zen rührt daher, dass eine zufriedenstellende Beschreibung und Erläuterung von Zen verbal prinzipiell nicht möglich ist, da es sich ausschließlich durch individuelle Einsicht erschließt.

    Dabei kennt ein jeder Mensch gewisse Zen-Momente: Das Einswerden mit einer Menschenmenge auf einer Veranstaltung, beim Rezitieren oder Chorsingen sowie beim Hören von Musik oder die völlige Versenkung bei entspannenden Tätigkeiten.

    Zen ist die Kunst des einfachen Lebens

    Aber obwohl Zen nach Shunryu Suzuki, einem der großen Zenmeister im 20. Jahrhundert, nichts Aufregendes sondern Konzentration auf deine alltäglichen Verrichtungen ist, so bleibt doch festzuhalten, dass die Realisierung von Zen für den ego-zentrierten, im Subjekt-Objekt-Dualismus geschulten und gefangenen menschlichen Geist eine extrem große Herausforderung darstellt.

    Übereinstimmend berichten Meister wie Schüler, dass alleine für die Überwindung der ersten Schwierigkeiten sehr viel Geduld aufgebracht werden müsse. Aber auch hier gilt: Der Weg ist das Ziel. – Der Zen-Weg ist die Kunst des einfachen Lebens.

    Oder wie Meister Dogen formulierte, der im 13. Jahrhundert die Soto-Tradition von China nach Japan brachte: „Den Weg zu studieren, heißt sich selbst zu studieren. Sich selbst zu studieren, heißt sich selbst vergessen. Sich selbst zu vergessen, bedeutet eins zu werden mit allen Existenzen“.

     

  • Der Weg ist das Ziel

    von Gregor Behrendt

    Buddha hat die Essenz seiner Lehre in den „Vier Edlen Wahrheiten“ und dem „Edlen Achtfachen Pfad“ zusammengefasst. Da die Ursachen des Leids nicht durch Gebote zu beseitigen sind, gab er seinen Anhängern konkrete Anleitungen und forderte sie auf, sich von deren Wirksamkeit selbst zu überzeugen. Der Pfad, den der Buddha als Leitlinie zur Befreiung vom Leid und zum Satori (Erleuchtung) beschrieben hat, besteht aus Hinweisen für eine ethische Lebensführung sowie praktischen Meditationsübungen zur geistigen Schulung. Sie dienen auch allen Zen-Praktizierenden als Wegweiser.

    Wer sich entscheidet, sein Leben danach auszurichten, kann mit den nachfolgenden acht Anweisungen gleichzeitig beginnen, anstatt sie nacheinander stufenweise zu erfüllen. Schon bald wird man neue Kraft und eine gewisse Gelassenheit verspüren. Und wer dem Zen-Weg konsequent folgt, kann mit der Zeit durch vollkommene Sammlung zu tieferen Einsichten gelangen und ganz neue Seiten bei sich entdecken – eventuell sogar seine wahre Natur. Denn der Weg ist das Ziel!

    Die Vier Edlen Wahrheiten

    I. Was ist das Leid?
    Alle Aspekte des Lebens – Geburt, Krankheit, Altern und Tod – sind leidvoll. Wir sind frustriert, weil die Welt nicht so ist, wie wir sie uns wünschen – sicher, beständig und berechenbar.

    II. Was sind die Ursachen von Leid?
    Leid entsteht durch Gier, Hass und Verblendung, d.h. durch Begehren und Anhaften an weltlichen Dingen, durch Angst, Abneigung und Zorn sowie durch Unwissenheit, Nichtverstehen und Egoismus.

    III. Wie kann das Leid überwunden werden?
    Durch zunehmende Lebensweisheit erlöschen Begehren und Ablehnung sowie Anhaften und egoistische Neigungen.

    IV. Auf welche Art und Weise kann dies erreicht werden?
    Der folgende Edle Achtfache Pfad führt durch spirituelle Einsicht zum Verstehen der Wirklichkeit – so wie sie ist.

    Der Edle Achtfache Pfad

    1. Klare Erkenntnis
    Wer die Lehre von den Vier Edlen Wahrheiten und von der Ich-Losigkeit des Daseins vollkommen verstanden hat, der wird vom Vertrauen in die Buddha-Lehre erfasst. Die klare Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen Leerheit (Substanzlosigkeit) und Vergänglichkeit (dem ständigen Wandel) führt letztendlich zur Befreiung vom Leid.

    2. Fester Entschluss
    Die angestrebte friedfertige und vertrauensvolle Gesinnung führt zu mehr Verständnis und Mitgefühl gegenüber allen Lebewesen. Der sogenannte „Affengeist“ wird beruhigt. Dem Geschehen im Hier und Jetzt wird mehr Bedeutung beigemessen und die Ich-Bezogenheit überprüft. Daraus erwächst die Bereitschaft zu selbstlosem Verzicht und alles Anhaften, was Leid erzeugen kann, aufzulösen

    3. Achtsame Kommunikation
    Die beste Voraussetzung für eine gute Kommunikation wird durch aufmerksames Zuhören geschaffen. Das lenkt Gedanken und Äußerungen in eine heilsame Richtung. Somit kann das Aufkeimen von Rechthaberei, verletzender Rede, übler Nachrede, Lüge und gedankenloser Schwatzhaftigkeit frühzeitig erspürt und vermieden werden.

    4. Rechtes Handeln
    Wer sich um Verständnis und Mitgefühl bemüht und in gewaltfreier Kommunikation übt, dessen Verhalten und Taten werden sich zum Guten wenden. Das Quälen oder Töten anderer Wesen sowie Verstöße gegen Sitte und Moral werden nicht mehr geschehen.

    5. Angemessener Lebenserwerb
    Fürsorge für alle Mitwesen tritt an die Stelle von rück-sichtslosem, egoistischem Streben. Es werden keine Tätig-keiten ausgeübt, die Lebewesen oder Umwelt schaden, wie z.B. Menschen-, Waffen- und Drogenhandel, Massentierhaltung und -schlachtung, Diebstahl und Korruption.

    6. Echte Anstrengung
    Echtes Bemühen bedeutet, dass wir immer unser Bestes geben und mit Dauerkraft zum Besten für andere und uns selbst arbeiten. Auch wenn das Meditieren anfangs noch sehr beschwerlich ist und zum Üben oft die Zeit fehlt, geben wir so leicht nicht auf.

    7. Umfassende Achtsamkeit
    Aufmerksam werden die Vorgänge im Körper beobachtet, wird den Gefühlen und Willensregungen nachgespürt, werden die Gedanken betrachtet, wie sie in endloser Schar aufsteigen und verschwinden, wird die Welt der Wesen und Dinge in ihrem Entstehen und Vergehen begleitet. Wer die Vergänglichkeit und die Leerheit klar erkannt hat, der wird frei.

    8. Vollkommene Sammlung
    Nach völligem Durchdringen des eigenen Wesens und nach Klärung von Gedanken, Gefühlen, Sprache, Taten sowie angemessener Lebensführung und umfassender Achtsamkeit wird die vollkommene Sammlung des Geistes durch fortschreitende Vertiefungen in der Meditation ihren Höhepunkt im Satori finden. In tiefer Versenkung, wo Worte nichts mehr beschreiben können, kommen wir durch die Große Erfahrung in Kontakt mit der ursprünglichen Klarheit unserer Wahren Natur.

  • Einfach und genügsam

    von Gregor Behrendt

    Das Streben nach Macht, Reichtum, Ruhm oder sinnlichem Vergnügen macht das Leben sehr kompliziert und geht fast immer auf Kosten anderer. Frieden finden hat viel mit Einfachheit zu tun. Wenn der Geist zu verworren, zu komplex ist, zu viel Strategie bewältigen muss, haben wir kaum eine Chance für Frieden. Frieden und Liebe sind ganz einfache Dinge. Wir sind immer wieder verblüfft, wenn wir irgendwo auf der Welt einem schlichten Menschen begegnen und sogleich spüren: Hier ist gelebte Liebe. Du bist willkommen, du wirst bewirtet, bekommst ein Bett, es ist alles ganz unkompliziert.

    Buddhas Botschaft lautet: Setzt euer Verstehen ins alltägliche Leben um! Lernt, mit offenen Händen zu geben! Seid unkompliziert, richtet euch das Leben so ein, dass ihr nicht viele Kühe braucht, auf die ihr aufpassen müsst! Richtet euch ein Leben ein, das einfach von der Hand geht! Das ist die Botschaft der monastischen Lebensweise: wenig Besitz, aus alten Flicken gefertigte Kleidung, keine Haare, die wir täglich pflegen müssen, keine komplizierten Beziehungen.

    Kein Frieden ohne Zufriedenheit

    Das Streben nach Macht, Reichtum, Ruhm oder sinnlichem Vergnügen macht das Leben sehr kompliziert und geht fast immer auf Kosten anderer. Frieden finden hat viel mit Einfachheit zu tun. Wenn der Geist zu verworren, zu komplex ist, zu viel Strategie bewältigen muss, haben wir kaum eine Chance für Frieden. Frieden und Liebe sind ganz einfache Dinge. Wir sind immer wieder verblüfft, wenn wir irgendwo auf der Welt einem schlichten Menschen begegnen und sogleich spüren: Hier ist gelebte Liebe. Du bist willkommen, du wirst bewirtet, bekommst ein Bett, es ist alles ganz unkompliziert.

    Buddhas Botschaft lautet: Setzt euer Verstehen ins alltägliche Leben um! Lernt, mit offenen Händen zu geben! Seid unkompliziert, richtet euch das Leben so ein, dass ihr nicht viele Kühe braucht, auf die ihr aufpassen müsst! Richtet euch ein Leben ein, das einfach von der Hand geht! Das ist die Botschaft der monastischen Lebensweise: wenig Besitz, aus alten Flicken gefertigte Kleidung, keine Haare, die wir täglich pflegen müssen, keine komplizierten Beziehungen.

    Die meisten von uns befinden sich jedoch in komplexeren Lebenssituationen. Wir haben einen fordernden Beruf, der auch sehr interessant sein kann. Wir haben eine Familie oder leben in Partnerschaft mit all ihren Schönheiten und Komplikationen. Wir essen und trinken und brauchen ein Dach über dem Kopf – daran ist ja nichts schlecht. Leidvoll wird es dann, wenn wir krampfhaft versuchen, noch mehr zu erreichen und anzuhäufen oder gar vorwiegend auf Kosten anderer unsere Ansprüche auszuweiten, nicht nur um unsere eigene Existenz zu sichern, sondern um unsere Träume zu verwirklichen.

    Leidvoll wird es, wenn wir von unserer Gier und unserer Aversion bestimmt werden. Da fangen all die immensen ethischen Probleme an. Wir sind ständig im Dilemma gefangen, dass wir leben wollen und uns immer auf Kosten anderer Lebensformen erhalten. Die Umsetzung unserer Einsichten beginnt da, wo Ethik nicht bloße Theorie bleibt, sondern zu gelebtem Mitgefühl wird. Die Lösung ist nicht im rein Äußeren, sondern grundsätzlich in unserer innersten Absicht zu finden. Diese Umsetzung ist ein lebenslanger Prozess und nicht selten ein Kampf gegen uralte Gewohnheiten. Wir können immer wieder von neuem schauen: Brauchen wir all das wirklich, wovon wir träumen, um glücklich zu sein.

    Überall können wir uns in neue Abhängigkeiten und Kreisläufe verwickeln. Geht es tatsächlich nicht auch etwas einfacher? Wenn wir erst einmal unsere Grundbedürfnisse befriedigen können, brauchen wir nicht ständig neuen Wünschen nachzurennen, sondern könnten uns nun fragen, was denn wirklicher Luxus sei. Als der Buddha das Beispiel mit den Kühen gab, machte er seine Mönche auf die Tatsache aufmerksam, dass eine der Schönheiten des monastischen Lebens darin besteht, Zeit zu haben für die Praxis.

    Brauchen wir all das wirklich?

    Die meisten von uns befinden sich jedoch in komplexeren Lebenssituationen. Wir haben einen fordernden Beruf, der auch sehr interessant sein kann. Wir haben eine Familie oder leben in Partnerschaft mit all ihren Schönheiten und Komplikationen. Wir essen und trinken und brauchen ein Dach über dem Kopf – daran ist ja nichts schlecht. Leidvoll wird es dann, wenn wir krampfhaft versuchen, noch mehr zu erreichen und anzuhäufen oder gar vorwiegend auf Kosten anderer unsere Ansprüche auszuweiten, nicht nur um unsere eigene Existenz zu sichern, sondern um unsere Träume zu verwirklichen.

    Leidvoll wird es, wenn wir von unserer Gier und unserer Aversion bestimmt werden. Da fangen all die immensen ethischen Probleme an. Wir sind ständig im Dilemma gefangen, dass wir leben wollen und uns immer auf Kosten anderer Lebensformen erhalten. Die Umsetzung unserer Einsichten beginnt da, wo Ethik nicht bloße Theorie bleibt, sondern zu gelebtem Mitgefühl wird. Die Lösung ist nicht im rein Äußeren, sondern grundsätzlich in unserer innersten Absicht zu finden. Diese Umsetzung ist ein lebenslanger Prozess und nicht selten ein Kampf gegen uralte Gewohnheiten. Wir können immer wieder von neuem schauen: Brauchen wir all das wirklich, wovon wir träumen, um glücklich zu sein.

    Überall können wir uns in neue Abhängigkeiten und Kreisläufe verwickeln. Geht es tatsächlich nicht auch etwas einfacher? Wenn wir erst einmal unsere Grundbedürfnisse befriedigen können, brauchen wir nicht ständig neuen Wünschen nachzurennen, sondern könnten uns nun fragen, was denn wirklicher Luxus sei. Als der Buddha das Beispiel mit den Kühen gab, machte er seine Mönche auf die Tatsache aufmerksam, dass eine der Schönheiten des monastischen Lebens darin besteht, Zeit zu haben für die Praxis.

  • Achtsamkeit im Hier und Jetzt

    von Gregor Behrendt

    Heutzutage begegnen wir dem Wort “Achtsamkeit” auf Schritt und Tritt. Es ist fast schon zum Trend geworden. Dabei wissen die Wenigsten, dass dieser Begriff ebenso wie das „Hier und Jetzt“ erst mit dem Zen-Buddhismus vor nicht allzu langer Zeit zu uns in den Westen gekommen ist. Im Zen wird das Wort Achtsamkeit häufig so gebraucht, dass man achtsam gegenüber der Tätigkeit sein soll, die man gerade verrichtet. Ich bin ganz im Gehen oder ich bin achtsam in der Arbeit, beim Hoffegen, Fensterputzen oder beim Zuhören.

    Manche Zen-Lehrer empfehlen achtsamkeitsbewussten Menschen beispielsweise, einzelne Stellen in ihrem Büro mit einem roten Punkt zu markieren, die sie quasi immer wieder daran erinnern, in den gegenwärtigen Augenblick zurückzukehren. Wenn sie auf die Klinke mit dem roten Punkt greifen, halten sie inne und spüren den Moment. Bevor sie zum Telefon greifen, halten sie inne. Jedoch innehalten und aufmerksam sein wollen ist zwar ein erster Schritt in Richtung „vollkommene Achtsamkeit“, aber es ist eben nur der Anfang.

    Denn im Zen geht es NICHT darum, willentlich in den Moment zu kommen. Willentliche Achtsamkeit mag eine gute Übung sein, aber es ist nicht Zen, wie es von China über Japan zu uns gekommen ist. Zen ist der Weg, jegliche Dualität zu überwinden. Sobald wir denken: „Ich gehe achtsam“, beinhaltet dies die Dualität zwischen dem Subjekt und dem Objekt, zwischen dem Geist und dem Körper, der diese Tätigkeit ausführt.

    Hätten wir den alten Zen-Meister Rinzai (9. Jahrhundert) gefragt: „Was ist Achtsamkeit?“, dann hätten wir 30 Stockhiebe eingesteckt, eine bewährte chinesische Methode, um in den Moment zu kommen. Da haben keine Gedanken mehr Platz. Kein Denken an Achtsamkeit.

    Was ist nun ‚Achtsamkeit’ im Zen? Jede Übung hat den Zweck, die Dualität zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Körper und Geist zu überwinden und damit ganzheitlich in den Moment zu kommen. Das beginnt beim Meditieren im Sitzen, bei dem die Gedanken durch die Konzentration auf den Atem weniger werden, im Gehen und in allen anderen Verrichtungen. Da setzt man seinen ganzen Körper und seine volle Kraft und Konzentration ein, um mit dem Putzen, Fegen und Kochen eins zu werden.
    Was damit gemeint ist, soll folgender Dialog zeigen.

    Ein Zen-Schüler fragt seinen Meister: „Was unterscheidet den Zen-Meister von einem Zen-Schüler?“ Der Meister antwortet: „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich.“ „Wieso? Das mache ich doch auch.“ Der Zen-Meister antwortet: „Wenn du gehst, denkst du ans Essen und wenn du isst, dann denkst du ans Schlafen. Wenn du schlafen sollst, denkst du an alles Mögliche. Das ist der Unterschied.“

    Achtsamkeit bedeutet, sich bewusst zu sein, was geschieht, im Gegensatz zu einem halbbewussten Vorbeiziehenlassen der Ereignisse oder einem so intensiven Überwältigtsein von den Geschehnissen, dass man reagiert, bevor man Zeit zum Nachdenken hat. Achtsamkeit konzentriert sich vollkommen auf die spezifischen Bedingungen der Erfahrungen, die wir tagein, tagaus machen. Achtsamkeit im Zen befasst sich nicht mit irgendetwas Transzendentem oder Göttlichem. Sie ist ein wirksames Heilmittel gegen sentimeniale Frömmelei.

    In der Achtamkeitspraxis geht es neben dem bewussten Erfüllen unserer täglichen Aufgaben auch darum, eine neue Beziehung zwischen Vergänglichkeit und Leben einzugehen. Anstatt der Vergangenheit nachzuhängen und über die Zukunft zu spekulieren, sollte man die Gegenwart als die Frucht all dessen erkennen, was gewesen ist, und als den Samen dessen, was einmal sein wird.

    Buddha hat seinerzeit nicht einen Rückzug aus dem geschäftigen Alltagsleben zu einem zeitlosen, mystischen Jetzt gefördert, sondern eine unerschrockene Begegnung mit der bedingten Welt so, wie sie sich von Moment zu Moment entfaltet.
    . . . Und heute? Wie sieht die bedingte Welt von heute aus? Wir haben hohe Gebäude, aber eine niedrige Toleranz, breite Autobahnen, aber enge Ansichten. Wir verbrauchen mehr; aber haben weniger, machen mehr Einkäufe, aber haben weniger Freude. Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien, mehr Bequemlichkeit, aber weniger Zeit, mehr Experten, aber auch mehr Probleme, mehr Medizin, aber weniger Menschlichkeit.

    Wir rauchen zu stark, wir trinken zu viel, wir geben verantwortungslos viel aus; wir lachen zu wenig, fahren zu schnell, regen uns zu schnell auf, gehen zu spät schlafen, stehen zu müde auf. Wir lesen zu wenig, sehen zu viel fern, meditieren zu selten. Wir haben unseren Besitz vervielfacht, aber unsere Werte reduziert. Wir reden zu viel, wir lieben zu selten und wir hassen zu oft. Wir wissen, wie man seinen Lebensunterhalt verdient, aber nicht mehr, wie man lebt. Wir kommen zum Mond, aber nicht mehr an die Tür des Nachbarn. Wir haben den Weltraum erobert, aber nicht den Raum in uns. Wir machen größere Dinge, aber keine Besseren.

    Wir können Atome spalten, aber nicht uns von unseren Vorurteilen trennen. Wir studieren mehr, aber wissen weniger, wir planen mehr, aber erreichen weniger. Wir haben gelernt schnell zu sein, aber wir können nicht warten. Es ist die Zeit des schnellen Essens und der schlechten Verdauung, der großen Männer und der kleinkarierten Geister, der leichten Profite und der schwierigen Beziehungen.

    Es ist die Zeit des größeren Familieneinkommens und der Scheidungen, der schöneren Häuser und des zerstörten Zuhauses.
    Es ist die Zeit der schnellen Reisen und des Übergewichts, der Wegwerfwindeln und der Wegwerfmoral. Es ist die Zeit der Pillen, die alles können: Sie erregen uns, sie beruhigen uns, sie töten uns.

    Wenn wir uns einmal die Zeit nehmen und in aller Ruhe überprüfen, wie unser Leben von dieser bedingten Welt beeinflusst wird, werden wir vielleicht erkennen, was wir durch mehr Achtsamkeit ändern können. Wir sind die Welt. Wenn wir bei uns selbst damit beginnen, können wir auch einen Teil der Welt – und sei er noch so klein – verändern. Je größer unsere Empörung über den Zustand dieser Welt ist, desto größer muss auch die Achtsamkeit sein, damit unser Tun mit unseren Idealen übereinstimmt.
    Wir haben den Wandel in der Hand – hier und jetzt.

  • Die drei Siebe der Wahrheit

    von Gregor Behrendt

    Eines Tages kam ein Bekannter zum griechischen Philosophen Sokrates gelaufen. “Höre, ich muss dir berichten, wie dein Freund….” “Halt ein” unterbrach ihn der Philosoph. “Hast du das, was du mir sagen willst, durch drei Siebe gesiebt?” “Drei Siebe? Welche?” fragte der andere verwundert. “Ja! Drei Siebe! Das erste ist das Sieb der Wahrheit. Hast du das, was du mir berichten willst, geprüft ob es auch wahr ist?”

    “Nein, ich hörte es erzählen, und…” “Nun, so hast du sicher mit dem zweiten Sieb, dem Sieb der Güte, geprüft. Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht wahr ist – wenigstens gut?” Der andere zögerte. “Nein, das ist es eigentlich nicht. Im Gegenteil…..” “Nun”, unterbrach ihn Sokrates, “so wollen wir noch das dritte Sieb nehmen und uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so zu erregen scheint.” “Notwendig gerade nicht….” “Also”, lächelte der Weise, “wenn das, was du mir eben sagen wolltest, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste weder dich noch mich damit.”

    Wie zu allen Zeiten, so wird auch heutzutage viel zu viel geredet und getratscht. Da wird vermutet, übertrieben und gelogen, um sich anderen gegenüber zu profilieren. Natürlich ist es notwendig, miteinander zu kommunizieren, aber wir sollten sorgfältig darauf achten, was wir reden. Wenn wir beispielsweise uns dazu hinreißen lassen, über andere zu lästern, dann sollten wir sofort innehalten und uns bewusst machen, was da eigentlich abläuft. Denn mit Worten kann sehr viel Leid erzeugt werden.

    Hier scheiden sich die Geister. Während große Teile unserer Gesellschaft unter Karrierestreben, Gier, Neid, Sorgen und Einsamkeit leiden, haben wir uns dem achtsamen Umgang mit den Ressourcen der Natur und der menschlichen Gemeinschaft verschrieben. Wir wollen uns befreien von Angstzuständen, Schuldgefühlen, Melancholie und Depression, von Verschwendung und Unterdrückung, von Konsum als Ersatz für ein langweiliges Leben.

    Eine Übung der Achtsamkeit wäre es, wahrhaftig und aufbauend reden zu lernen und nur so sprechen, dass Hoffnung und Vertrauen geweckt werden. Wer sich dazu entschließen kann, nichts Unwahres zu sagen, weder aus Eigeninteresse, noch um andere zu beeindrucken, der macht den ersten Schritt auf dem Zen-Weg. Dazu gehört auch, keine Nachrichten zu verbreiten, für deren Wahrheitsgehalt wir uns nicht verbürgen können und nichts zu kritisieren oder zu missbilligen, worüber wir nichts Genaues wissen. Andererseits sollten wir Unrecht nicht einfach geschehen lassen, sondern mutig dagegen vorgehen, selbst dann, wenn wir dadurch unsere eigene Sicherheit gefährden.

    Ein Mangel an Kommunikation kann Trennung bewirken und Leiden schaffen. Gerade in unserer so schnelllebigen Zeit, sind mitfühlendes Zuhören und liebevolle Rede besonders notwendig. Deshalb wäre es gut, wenn wir achtsam zuhören könnten, ohne zu bewerten oder zu reagieren und es unterlassen, Worte zu äußern, die Zwietracht säen. Unser Ziel sollte es sein, die Kommunikation aufrechtzuerhalten, zu versöhnen und Konflikte zu lösen, so klein sie auch sein mögen.

    Religiöser Fanatismus und Intoleranz haben zu allen Zeiten viel Elend über die Menschheit gebracht. Deshalb wollen wir keine Ideologien vergöttern und uns nicht an sie binden. Die überlieferten Lehren und Weisheiten des Zen-Buddhismus sind nur Hilfsmittel, die es uns ermöglichen, durch Meditation Verständnis und Mitgefühl zu entwickeln. Sie sind keine Dogmen, für die gekämpft, getötet oder gestorben werden sollte. Wir sind uns bewusst, dass unser derzeitiges Wissen keine unveränderliche, absolute Wahrheit ist. Da sich Wahrheit nur im Leben selbst findet, versuchen wir in jedem Augenblick, das Leben in uns und um uns herum achtsam wahrzunehmen.