01. Woche
DAS IST SCHON ALLES
Auch die besten Vorsätze sind Kinder der Zeit.
Sie kommen – und sie gehen.
Oft leiser, als wir es bemerken.
Viele überleben nicht einmal die ersten Wochen des neuen Jahres.
Wer heute nicht scheitern möchte,
muss nicht größer träumen,
sondern kleiner beginnen.
Weniger versprechen, dafür halten.
Einen Schritt setzen.
Und ihn wirklich gehen.
Am tragfähigsten sind Vorsätze,
die nur etwas Bestimmtes betreffen oder
einen Tag lang gelten
Es genügt, das Gute still zu suchen –
nicht heroisch, nicht perfekt,
sondern geduldig.
Stunde für Stunde.
Ohne Übermaß.
Das ist schon alles.
Im Zen heißt es:
Jeder Tag ist ein guter Tag.
Warum also nicht heute?
Nur für heute
werde ich mich bemühen, diesen Tag wach zu erleben,
ohne alle Fragen des Lebens lösen zu wollen.
Nur für heute
werde ich eine gute Tat vollbringen
oder auf eine meiner kleinen Gewohnheiten verzichten –
und still darüber bleiben.
Nur für heute
werde ich niemanden kritisieren,
niemanden verbessern,
nicht einmal mich selbst.
Nur für heute
lege ich meine Rollen ab:
das Image vom spirituellen Menschen,
vom Bescheidenen,
vom Helfer,
vom Guten.
Ich darf einfach da sein.
Und schließlich –
nur für heute werde ich mir einen Moment Zeit nehmen
für das Gemeinsame,
für die Stille, die uns verbindet,
für eine Fernmeditation mit der Sangha (gegen 19:30 Uhr).
Nicht für immer.
Nicht für morgen.
Nur für heute.
Mehr nicht.
52. Woche
LEBE DEINEN RHYTHMUS
Manchmal reicht ein kurzer Blick nach außen, und etwas in dir zieht sich zusammen. Andere scheinen weiter zu sein, freier, erfolgreicher. Ihr Leben wirkt rund, deines eher unfertig. Doch das, was du siehst, ist selten das Ganze. Es sind Momentaufnahmen – während dein eigenes Leben sich gerade bewegt, tastet, sucht.
Vielleicht beginnt ein selbstbestimmtes Leben genau hier: in diesem unfertigen Moment.
Es gibt nichts zu beweisen. Und es ist nicht nötig, jemandem zu ähneln. Dein Leben entfaltet sich nicht nach fremden Maßstäben, sondern in deinem eigenen Rhythmus. Mal ruhig, mal stockend, mal überraschend klar. Wenn du innehältst und hinschaust, kannst du spüren, was dich trägt – und was dich müde macht. Beides gehört zu dir.
Es gibt nichts an dir, das repariert werden müsste. Es genügt, dir zuzuhören. Mit Geduld. Mit einer gewissen Milde. Fehler verlieren ihre Schärfe, wenn du sie nicht festhältst. Sie kommen und gehen, wie Gedanken im Sitzen. Und du bleibst.
Vielleicht magst du dich heute ein wenig besser versorgen. Einen Spaziergang machen. Früher schlafen gehen. Den Atem ein paar Augenblicke länger wahrnehmen. Kleine Gesten, unscheinbar – und doch wirksam. Sie erinnern dich daran, dass dein Leben nicht optimiert werden will, sondern bewohnt.
Wenn der Vergleich auftaucht, darf er weiterziehen. Kein anderer Mensch steht an genau diesem Punkt, mit genau dieser Geschichte, diesem Körper, diesem Blick auf die Welt. Dein Weg ist weder schneller noch langsamer. Er ist deiner.
In der Stille der Meditation zeigt sich manchmal etwas sehr Einfaches: Du bist schon da. Ohne Rolle. Ohne Etikett. Nur atmend, lebendig, gegenwärtig.
Ein selbstbestimmtes Leben fühlt sich nicht laut an. Eher wie ein leises Einverstanden-Sein. Mit dir. Mit diesem Moment. Und mit dem nächsten Schritt, der sich von selbst ergibt.
51. Woche
BEWUSSTES SEIN
Über das, was bleibt
Jenseits von Raum und Zeit berührt uns etwas Namenloses.
Es hat keine Form, keinen Ort – und doch ist es intim vertraut.
Worte gleiten daran ab wie Wasser an einem Stein.
Dieses Geheimnis ruht nicht irgendwo draußen.
Es schläft im Innersten unseres bewussten Seins.
Dort liegt eine stille Kraft, eine Quelle ursprünglicher Lebendigkeit.
Sie nährt nicht den Ehrgeiz, sondern die Kunst, wirklich zu leben.
Doch sie öffnet sich nicht durch Wissen, nicht durch Konzepte.
Nur Erfahrung kennt ihren Zugang.
Nur Übung, Geduld und die Bereitschaft, still zu werden.
Meditation ist kein Weg nach oben.
Sie ist ein Heimkommen.
Wenn wir sitzen, atmen und bleiben, beginnt sich ein feiner Raum zu öffnen.
Körper, Atem, Gefühle und Gedanken fallen nicht mehr auseinander.
Sie werden ein Feld – lebendig, wach, durchlässig.
In diesem Feld zeigt sich etwas Zeitloses:
eine wache Liebe, eine stille Verbundenheit mit allem, was ist.
Seit Anbeginn tragen wir dieses Bewusstsein in uns.
Es liegt jenseits des Denkens, jenseits der vertrauten Identitäten.
Doch viele leben getrennt davon, gefangen in erlernten Bildern,
in Geschichten von Mangel, Abgrenzung und Angst.
So entsteht ein Gefühl des Getrenntseins – von sich selbst, vom Leben.
Und doch ist die Zeit reif.
Ein leiser Wandel geht durch viele Herzen.
Nicht laut, nicht spektakulär – eher wie ein Erwachen im Morgengrauen.
Ein Bewusstsein, das nicht trennt, sondern verbindet.
Das nicht herrscht, sondern lauscht.
Das erkennt: Entwicklung geschieht nicht durch Flucht ins Höhere,
sondern durch vollständige Gegenwärtigkeit im Jetzt.
50. Woche
UNSER WAHRES GESICHT
Ein Mönch lebte zurückgezogen in einer einfachen Klause. Seine Tage waren schlicht und still, getragen vom Atem und dem Klang des Brunnens vor seiner Hütte. Eines Tages erreichte ein erschöpfter Wanderer diesen Ort und bat um Wasser. Der Mönch schöpfte aus dem alten Steinbrunnen und reichte ihm die Schale.
Nachdem der Wanderer getrunken hatte, fragte er neugierig:
„Warum lebst du hier in dieser Einsamkeit? Was gibt dir Sinn?“
Der Mönch antwortete nicht sofort. Stattdessen deutete er auf das aufgewühlte Wasser, das noch vom Schöpfen vibrierte.
„Schau hinein. Was siehst du?“
Der Wanderer blickte – und sah nichts. Nur Bewegung.
„Warte“, sagte der Mönch.
Gemeinsam schauten sie auf die Oberfläche, die sich langsam beruhigte. Schließlich spiegelte das Wasser ein Gesicht zurück.
„Jetzt sehe ich mich“, sagte der Wanderer leise.
Der Mönch nickte.
„Solange das Wasser bewegt ist, bleibt alles verborgen. Erst in der Stille erkennst du dich selbst.“
*
Diese einfache Szene lehrt uns: Unser Inneres ist oft aufgewühlt wie Wasser nach einem langen Tag. Doch wenn wir innehalten, atmen und nichts hinzufügen, klärt sich die Oberfläche.
Und wir sehen wieder: unser wahres Gesicht.
49. Woche
WIE IM FLUGE
Wenn du in der Stille eines klaren Morgens in der Ferne einen Vogel entdeckst, beginnt die Welt sanft zu atmen. Das Licht liegt wie dünner Frost auf den Zweigen, der Himmel öffnet sich weit — und ein einziges Flügelschlagen reicht, um dich zurück ins Wesentliche zu führen.
Im Zen nennen wir das den Moment der Transparenz: Wenn die Natur nicht mehr Hintergrund ist, sondern allgegenwärtig. Der Vogel dort oben kein anonymer Punkt, sondern lebendige Wirklichkeit des einen Geistes. Er ist Teil desselben Urklangs, der auch in dir spielt und alles verbindet:
Du schaust — und wirst weit.
Du hörst — und wirst still.
Mit der Zeit verändert sich deine Wahrnehmung. Du siehst nicht mehr nur Farben und Formen, sondern erlebst die Kunst des Fliegens selbst: wie der Vogel den Wind liest, wie er Energie und Raum spürt, wie jeder kleine Schwung eine Antwort auf das ist, was ihm begegnet. Kein Zögern, kein Übermaß. Nur ein genaues Einklinken in den Strom des Lebens.
In diesem Einklang schmilzt die Trennung. Der Himmel wird zu einem inneren Raum. Der Flug zu einer Erinnerung daran, wie leicht Leben sein kann, wenn wir uns nicht gegen den Wind stellen.
Setz dich. Atme. Schau.
Die Natur führt dich zurück in dein eigenes ruhiges Zentrum —
dorthin, wo du längst zu Hause bist.
48. Woche
JEDEN TAG AUFS NEUE
Das Leben hat mich zurückgeholt– doch das Atmen muss ich neu lernen. Ich beginne jeden Tag von vorn. Direkt nach dem Erwachen setze ich mich auf.
Der Körper sucht, der erste Atemzug ist fremd, zögernd, unentschlossen in seiner Richtung. Ein Atemzug. Dann noch einer. Ob das die richtige Reihenfolge ist? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber ich übe weiter, um zu leben.
Der Atem ist kein Automatismus mehr. Er ist ein Lehrer geworden. Er fragt:„Bist du bereit, wieder zu vertrauen?“ Und ich antworte nicht mit Worten, sondern mit dem nächsten Atemzug.
Langsam entsteht eine neue Gewissheit: Es gibt keine Garantie. Es gibt nur den Atem. Vorne beginnen, genau dort, wo das Leben anklopft – nicht hinten im Denken, sondern hier, an der Nasenspitze, wo der Atem mich berührt.
Ein langer Atemzug ist keine Selbstverständlichkeit. Er ist eine Übung: ein stilles Wieder-und-Wieder, das immer am Anfang beginnt. Mit jedem Atemzug gehe ich denselben Weg – hinein ins Leben, hinaus in die Stille.
Und je öfter ich ihn gehe, desto mehr wächst das Vertrauen. Der Atem kennt den Weg besser als ich. Ich folge ihm. Und manchmal, wenn alles still wird, scheint es, als atmete das Leben selbst in mir.
Dann weiß ich: Ich bin angekommen – für diesen einen Atemzug. Und das genügt
47. Woche
ABSCHALTEN
Im Zen üben wir, im gegenwärtigen Augenblick zu leben – frei von der Vergangenheit, die schon vergangen ist, und von der Zukunft, die noch nicht begonnen hat.
In der Meditation geschieht das, indem wir bewusst atmen und unsere Gedanken aufmerksam betrachten, ohne sie zu füttern. Bekommen sie keine Energie mehr, lösen sie sich von selbst auf
Wir werden zu stillen Zeugen. Der Gedankenstrom fließt weiter, doch wir stehen nicht mehr mitten darin. Von einer Brücke aus betrachtet, sehen wir: Alles kommt und vergeht, alles wiederholt sich. Immer die gleichen Wellen von Ärger und Wut, von Gier und Sehnsucht, von Urteilen und Bewertungen, von Vorlieben und Enttäuschungen. Ein endloser Kreislauf.
Doch sobald wir „den inneren Projektor abschalten“, verschwinden auch die Bilder an der Leinwand. Der Spuk löst sich auf wie ein Traum – und für einen Augenblick zeigt sich die Wirklichkeit, so wie sie ist.
Buddha sagt: „Ein wirklich bewusst lebender Mensch lebt in dieser Welt wie eine Biene. Er berührt die Schönheit dieser Welt, ohne sie zu zerstören. Sein Leben ist einfach, leicht und nicht überladen. Er geht still seinen Weg, nimmt nur, was er braucht, und ruht im Hier und Jetzt.“
Was bedeutet das für uns heute? Eine Biene nimmt, was sie braucht – nicht mehr und nicht weniger. Auch wir können lernen, uns nicht ständig zu überladen: mit Aufgaben, Konsum, Erwartungen. Stattdessen nehmen wir nur das, was wirklich wesentlich ist.
Eine Biene zerstört die Blüte nicht, die sie besucht. Auch wir können lernen, achtsamer zu gehen – die Dinge, die uns umgeben, zu würdigen, ohne sie auszubeuten oder zu zerreden. Das gilt für die Natur ebenso wie für Menschen. Worte, Gesten, Taten – sie können verletzen oder heilen. Ein bewusst lebender Mensch tastet die Welt sanft an.
Eine Biene summt ihren Weg. Sie ist da, wo sie ist, ohne Hast, ohne Anspruch, ohne Drang nach mehr. Auch wir können im Alltag üben, diesen unnötigen Druck loszulassen. Beim Essen, beim Gehen, beim Arbeiten, selbst im Gespräch: einfach da sein. Nicht getrieben, sondern gegenwärtig.
So bedeutet „Abschalten“ nicht Flucht oder Passivität, sondern eine Rückkehr. Wir lassen los, was uns beschwert, und wenden uns dem Einfachen zu. Wir lernen, mit weniger Last und mehr Stille zu leben. Und vielleicht erfahren wir dabei, wie leicht es sein kann, einfach Mensch zu sein.
39. Woche
VERZÜCKUNG IST NICHT ALLES
Manchmal, während der Meditation,
geschieht etwas Unerwartetes.
Ein lebhaftes Gefühl starker Energie,
wie ein Blitz, der plötzlich erscheint –
und wieder erlischt.
Es kann den ganzen Körper durchdringen,
sodass er sich fast transparent anfühlt –
als wäre er nicht mehr vorhanden.
Früher nannte man es „Verzückung“,
heute weiß kaum noch jemand,
was damit gemeint ist.
Verzückung ist ein Moment der Begeisterung,
den man am liebsten festhalten möchte.
Dieses Gefühl ist nicht wirklich friedvoll,
sondern ziemlich aufregend,
manchmal sogar lästig.
Dennoch neigen wir dazu, es zu mögen,
besonders dann, wenn es stärker wird.
Der Buddha lehrte, diese Verzückung zu ehren,
sie aber nicht für das Ziel zu halten.
Sie ist wie eine Blume am Wegesrand:
schön zu betrachten, duftend, vergänglich.
Geh weiter, ohne sie zu pflücken.
Wenn Begeisterung aufsteigt, erleb sie,
ohne sie zu ergreifen.
So bleibt sie ein Tor zur Freude,
kein Hindernis auf deinem Weg.
Denn jenseits der Wellen der Empfindungen
liegt ein tiefes Gefühl von Glück –
ein Zustand von großem Frieden und großer Ruhe,
der nicht kommt und geht.
Doch auch diese höheren Formen von Glück
sind nicht die Endstation – mehr darüber später.
Zunächst übe in der Meditation,
jede Empfindung willkommen zu heißen
und wieder loszulassen,
um deinen weiteren Weg freizumachen.
