03. Woche
FREIRÄUME SCHAFFEN
In der traditionellen japanischen Wohnkultur
geht es nicht darum, Räume zu füllen.
Es geht darum, sie offen zu halten.
Zimmer sind nicht festgelegt.
Sie tragen keine dauerhafte Funktion.
Ein Raum ist morgens Schlafplatz,
tagsüber leer,
abends Ort der Begegnung –
und dazwischen einfach Raum.
Diese Leere ist kein Mangel.
Sie ist Absicht.
Tatami-Matten geben nur ein Maß vor,
keine Bedeutung.
Der Raum wartet.
Er drängt sich nicht auf.
Aus dieser Haltung ist auch der Zen gewachsen.
Nicht als Theorie,
sondern als gelebte Erfahrung von Raum,
Stille und Einfachheit.
Zen zeigt sich nicht zuerst im Meditationskissen,
sondern im Alltag –
in der Art, wie Raum gelassen wird.
Im Japanischen gibt es dafür das Wort Ma:
der Zwischenraum.
Die Pause.
Das Offene zwischen zwei Dingen.
Nicht das Objekt ist entscheidend,
sondern der Raum,
der Bewegung, Beziehung
und Wandel ermöglicht.
Auch der Tokonoma folgt diesem Prinzip.
In der Wandnische findet sich oft nur
ein Schriftzeichen, ein Zweig,
ein Bild –
und sonst nichts.
Gerade weil der Raum leer ist,
kann das Wenige wirken.
Bedeutung entsteht nicht durch Fülle,
sondern durch Zurückhaltung.
Im Zen heißt es:
„Leere Weite – nichts Heiliges.“
Das meint genau dies:
Kein Zustand ist besser als ein anderer.
Kein Raum muss besonders sein.
Er darf einfach sein, was er ist.
Schiebetüren trennen nicht hart.
Sie lassen Licht, Luft und Jahreszeiten durch.
Innen und außen bleiben verbunden.
So wird erfahrbar:
Körper, Geist und Umgebung
sind nicht getrennt.
Diese Wohnkultur –
und der Zen, der aus ihr spricht –
lehrt kein Verzichten.
Sie lädt ein zum Weglassen.
Nicht aus Disziplin,
sondern aus Klarheit.
Freiraum entsteht dort,
wo du nicht sofort füllst,
nicht festhältst,
nicht optimierst.
Wo du Raum lässt.
Für Bewegung.
Für Wandel.
Für das, was kommen will.
Vielleicht ist das das Wesentliche:
Dein Leben braucht nicht mehr Inhalte,
sondern mehr offene Stellen.
Räume, die nichts von dir wollen.
In denen du nichts erreichen musst.
In denen Leben
still und von selbst
Gestalt annimmt.
02. Woche
ÜBERWINTERN
Der Winter fragt nicht, ob wir bereit sind.
Er kommt einfach.
Mit kurzen Tagen, kalten Händen –
und manchmal sogar mit Schnee.
Viele wollen diese Zeit hinter sich bringen.
Durchhalten.
Funktionieren.
Auf den Frühling warten.
Die Natur tut etwas anderes.
Sie hält inne.
Sie spart Kraft.
Sie bewahrt, was leben will.
Überwintern heißt,
dem Rhythmus zu vertrauen, der jetzt da ist.
Nicht alles will wachsen.
Manches will ruhen.
Es ist die Zeit der Rauhnächte.
Eine stille Zeit zwischen den Jahren.
Nicht mehr ganz hier.
Noch nicht dort.
Viele spüren jetzt Fragen.
Nach Sinn.
Nach Richtung.
Nach dem, was trägt.
Auch wir kennen diese Zeiten.
Wenn die Energie sinkt.
Wenn das Leben schwerer wird.
Wenn der innere Kompass leiser wird.
Zen fragt nicht:
Wie werde ich wieder produktiv?
Sondern:
Wie kann ich existieren,
ohne mich zu verlieren?
Überwintern heißt,
weniger zu erwarten.
Weniger zu wollen.
Mehr zu schützen.
Nicht gegen die Dunkelheit zu kämpfen,
sondern einfach da zu sein.
Mit einem warmen Getränk.
Mit einer Decke.
Mit zwanzig Minuten Sitzen.
Nicht um etwas zu erreichen.
Sondern um nichts zu verpassen.
Das genügt.
01. Woche
DAS IST SCHON ALLES
Auch die besten Vorsätze sind Kinder der Zeit.
Sie kommen – und sie gehen.
Oft leiser, als wir es bemerken.
Viele überleben nicht einmal die ersten Wochen des neuen Jahres.
Wer heute nicht scheitern möchte,
muss nicht größer träumen,
sondern kleiner beginnen.
Weniger versprechen, dafür halten.
Einen Schritt setzen.
Und ihn wirklich gehen.
Am tragfähigsten sind Vorsätze,
die nur etwas Bestimmtes betreffen oder
einen Tag lang gelten
Es genügt, das Gute still zu suchen –
nicht heroisch, nicht perfekt,
sondern geduldig.
Stunde für Stunde.
Ohne Übermaß.
Das ist schon alles.
Im Zen heißt es:
Jeder Tag ist ein guter Tag.
Warum also nicht heute?
Nur für heute
werde ich mich bemühen, diesen Tag wach zu erleben,
ohne alle Fragen des Lebens lösen zu wollen.
Nur für heute
werde ich eine gute Tat vollbringen
oder auf eine meiner kleinen Gewohnheiten verzichten –
und still darüber bleiben.
Nur für heute
werde ich niemanden kritisieren,
niemanden verbessern,
nicht einmal mich selbst.
Nur für heute
lege ich meine Rollen ab:
das Image vom spirituellen Menschen,
vom Bescheidenen,
vom Helfer,
vom Guten.
Ich darf einfach da sein.
Und schließlich –
nur für heute werde ich mir einen Moment Zeit nehmen
für das Gemeinsame,
für die Stille, die uns verbindet,
für eine Fernmeditation mit der Sangha (gegen 19:30 Uhr).
Nicht für immer.
Nicht für morgen.
Nur für heute.
Mehr nicht.
52. Woche
LEBE DEINEN RHYTHMUS
Manchmal reicht ein kurzer Blick nach außen, und etwas in dir zieht sich zusammen. Andere scheinen weiter zu sein, freier, erfolgreicher. Ihr Leben wirkt rund, deines eher unfertig. Doch das, was du siehst, ist selten das Ganze. Es sind Momentaufnahmen – während dein eigenes Leben sich gerade bewegt, tastet, sucht.
Vielleicht beginnt ein selbstbestimmtes Leben genau hier: in diesem unfertigen Moment.
Es gibt nichts zu beweisen. Und es ist nicht nötig, jemandem zu ähneln. Dein Leben entfaltet sich nicht nach fremden Maßstäben, sondern in deinem eigenen Rhythmus. Mal ruhig, mal stockend, mal überraschend klar. Wenn du innehältst und hinschaust, kannst du spüren, was dich trägt – und was dich müde macht. Beides gehört zu dir.
Es gibt nichts an dir, das repariert werden müsste. Es genügt, dir zuzuhören. Mit Geduld. Mit einer gewissen Milde. Fehler verlieren ihre Schärfe, wenn du sie nicht festhältst. Sie kommen und gehen, wie Gedanken im Sitzen. Und du bleibst.
Vielleicht magst du dich heute ein wenig besser versorgen. Einen Spaziergang machen. Früher schlafen gehen. Den Atem ein paar Augenblicke länger wahrnehmen. Kleine Gesten, unscheinbar – und doch wirksam. Sie erinnern dich daran, dass dein Leben nicht optimiert werden will, sondern bewohnt.
Wenn der Vergleich auftaucht, darf er weiterziehen. Kein anderer Mensch steht an genau diesem Punkt, mit genau dieser Geschichte, diesem Körper, diesem Blick auf die Welt. Dein Weg ist weder schneller noch langsamer. Er ist deiner.
In der Stille der Meditation zeigt sich manchmal etwas sehr Einfaches: Du bist schon da. Ohne Rolle. Ohne Etikett. Nur atmend, lebendig, gegenwärtig.
Ein selbstbestimmtes Leben fühlt sich nicht laut an. Eher wie ein leises Einverstanden-Sein. Mit dir. Mit diesem Moment. Und mit dem nächsten Schritt, der sich von selbst ergibt.
51. Woche
BEWUSSTES SEIN
Über das, was bleibt
Jenseits von Raum und Zeit berührt uns etwas Namenloses.
Es hat keine Form, keinen Ort – und doch ist es intim vertraut.
Worte gleiten daran ab wie Wasser an einem Stein.
Dieses Geheimnis ruht nicht irgendwo draußen.
Es schläft im Innersten unseres bewussten Seins.
Dort liegt eine stille Kraft, eine Quelle ursprünglicher Lebendigkeit.
Sie nährt nicht den Ehrgeiz, sondern die Kunst, wirklich zu leben.
Doch sie öffnet sich nicht durch Wissen, nicht durch Konzepte.
Nur Erfahrung kennt ihren Zugang.
Nur Übung, Geduld und die Bereitschaft, still zu werden.
Meditation ist kein Weg nach oben.
Sie ist ein Heimkommen.
Wenn wir sitzen, atmen und bleiben, beginnt sich ein feiner Raum zu öffnen.
Körper, Atem, Gefühle und Gedanken fallen nicht mehr auseinander.
Sie werden ein Feld – lebendig, wach, durchlässig.
In diesem Feld zeigt sich etwas Zeitloses:
eine wache Liebe, eine stille Verbundenheit mit allem, was ist.
Seit Anbeginn tragen wir dieses Bewusstsein in uns.
Es liegt jenseits des Denkens, jenseits der vertrauten Identitäten.
Doch viele leben getrennt davon, gefangen in erlernten Bildern,
in Geschichten von Mangel, Abgrenzung und Angst.
So entsteht ein Gefühl des Getrenntseins – von sich selbst, vom Leben.
Und doch ist die Zeit reif.
Ein leiser Wandel geht durch viele Herzen.
Nicht laut, nicht spektakulär – eher wie ein Erwachen im Morgengrauen.
Ein Bewusstsein, das nicht trennt, sondern verbindet.
Das nicht herrscht, sondern lauscht.
Das erkennt: Entwicklung geschieht nicht durch Flucht ins Höhere,
sondern durch vollständige Gegenwärtigkeit im Jetzt.
50. Woche
UNSER WAHRES GESICHT
Ein Mönch lebte zurückgezogen in einer einfachen Klause. Seine Tage waren schlicht und still, getragen vom Atem und dem Klang des Brunnens vor seiner Hütte. Eines Tages erreichte ein erschöpfter Wanderer diesen Ort und bat um Wasser. Der Mönch schöpfte aus dem alten Steinbrunnen und reichte ihm die Schale.
Nachdem der Wanderer getrunken hatte, fragte er neugierig:
„Warum lebst du hier in dieser Einsamkeit? Was gibt dir Sinn?“
Der Mönch antwortete nicht sofort. Stattdessen deutete er auf das aufgewühlte Wasser, das noch vom Schöpfen vibrierte.
„Schau hinein. Was siehst du?“
Der Wanderer blickte – und sah nichts. Nur Bewegung.
„Warte“, sagte der Mönch.
Gemeinsam schauten sie auf die Oberfläche, die sich langsam beruhigte. Schließlich spiegelte das Wasser ein Gesicht zurück.
„Jetzt sehe ich mich“, sagte der Wanderer leise.
Der Mönch nickte.
„Solange das Wasser bewegt ist, bleibt alles verborgen. Erst in der Stille erkennst du dich selbst.“
*
Diese einfache Szene lehrt uns: Unser Inneres ist oft aufgewühlt wie Wasser nach einem langen Tag. Doch wenn wir innehalten, atmen und nichts hinzufügen, klärt sich die Oberfläche.
Und wir sehen wieder: unser wahres Gesicht
